Andrea Sihn-Weber im Interview über Erfolgsfaktoren für ein positives ESG-Rating und welche Vorteile der Nachhaltigkeits-Index für den Bankensektor mit sich bringen könnte

Als Geschäftsführerin der Raiffeisen Nachhaltigkeits-Initiative forciert Andrea Sihn-Weber seit vielen Jahren die nachhaltige Entwicklung der Mitglieder. Darüber hinaus ist sie Leiterin des Nachhaltigkeitsmanagements der Raiffeisen Bank International (RBI). Im Interview zum Workshop ESG-Berichterstattung erzählt sie uns, welche Faktoren für ein gutes ESG-Rating wichtig sind und was sie anderen Firmen vor dem Hintergrund der Veränderungen in den nächsten Jahren rät. 

Leo Hauska: Andrea, was ist denn die Raiffeisen Nachhaltigkeits-Initiative und welche Ziele verfolgt ihr darin? 

Andrea Sihn-Weber: Die Raiffeisen Nachhaltigkeits-Initiative ist als Verein organisiert und besteht aus 22 Mitgliedern aus dem Raiffeisen-Umfeld. Darunter beispielsweise die Raiffeisen Bank International, eines der Gründungsmitglieder, sowie sämtliche Raiffeisen Landesbanken und auch Unternehmen wie die Agrana, die UNIQA oder die Raiffeisen Ware Austria. Ende 2022 feiert die Initiative bereits ihr 15-jähriges Bestehen.

Im Rahmen der Raiffeisen Nachhaltigkeits-Initiative beschäftigen wir uns mit Klima-, Umwelt- und sozialen Themen, also Themen, die uns alle betreffen. Unser Vorsitzender, Franz Fischler, ist seit der ersten Stunde dabei und treibt diese wichtigen Aufgaben aktiv voran. Wir haben bereits 2015 die erste Ökobilanzierung für die Raiffeisen Bankengruppe erstellt und im Jahr 2017 eine Klimastrategie mit dem Umweltbundesamt entwickelt, um damit an der Dekarbonisierung der Vereinsmitglieder zu arbeiten. In diesem Zusammenhang beschäftigen wir uns zurzeit auch intensiv mit den Science Based Targets zur CO2-Reduktion.

Auch die aktuelle Auseinandersetzung mit den Menschenrechten spielt eine wichtige Rolle in unserem Arbeitsprogramm. Wir verfolgen das Ziel, diese strategische Querschnittsmaterie voranzutreiben und zugleich in diesem Prozess voneinander zu lernen. Wir wollen aber auch außerhalb der Raiffeisen Nachhaltigkeits-Initiative Awareness zu den aktuellen Problemen und Handlungsfeldern schaffen. Deswegen spielt die Kommunikation eine große Rolle bei uns.

Ausgehend von der Zielsetzung in der Raiffeisen Nachhaltigkeits-Initiative: Warum unterstützt ihr den Nachhaltigkeits-Index? 

Wir haben über mitwirken.at im Jahr 2021 in einer unserer Arbeitskreis-Sitzungen diskutiert und schnell gesehen, dass dieser Nachhaltigkeits-Index vor allem auch für die Kund:innen unserer Mitglieder ein wichtiges Thema sein kann. Wir gehen davon aus, dass beispielsweise viele Kund:innen der Raiffeisen Landesbanken noch kein Nachhaltigkeitsreporting, geschweige denn ein ESG-Rating haben. Informationen zur gelebten Nachhaltigkeit gibt es in vielen Unternehmen schlichtweg noch nicht. Deswegen glauben wir, dass es ein wichtiges Thema und das Projekt Nachhaltigkeits-Index absolut unterstützenswert ist. Und das ist der Grund, weshalb wir uns bei mitwirken.at engagieren. 

Du hast es gerade angesprochen: Viele Unternehmen haben noch kein Rating. Je nachdem wo wir die Grenze ziehen, gibt es in Österreich zwischen 300.000 und 400.000 Unternehmen. Die Mehrheit davon wird von den bestehenden Systemen zur Nachhaltigkeitsbewertung kaum oder gar nicht erfasst werden. Ganz anders etwa bei euch in der RBI: Ihr seid durch diverse Bewertungsverfahren gegangen und habt hier einen großen Erfahrungsschatz. Welche Learnings kannst du daraus mit uns teilen? 

Mittlerweile machen wir das in der RBI schon über ein Jahrzehnt. Es war von Anfang an ein Ziel unseres Vorstandes, dass wir unsere Nachhaltigkeits-Ratings sukzessive verbessern. Mir war daher von Beginn an bewusst, dass wir dieses Ziel nur mit einem entsprechenden Reporting erreichen können. Das ist das Hauptinstrument, welches für das Rating verwendet wird. Daher haben wir uns zunächst die Ratings der wesentlichen ESG-Rating-Agenturen angeschaut und die unterschiedlichen Levels, mit denen wir beurteilt wurden, analysiert. Dabei darf man nicht vergessen, dass diese Agenturen sich in den letzten Jahren auch weiterentwickelt haben und unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Das ist historisch bedingt. Für die Diversität der Ratings macht das durchaus Sinn, das Handling wird jedoch immer umfangreicher und somit zeitintensiver. 

Wir haben 2012 mit einem freiwilligen Nachhaltigkeitsbericht für den gesamten RBI-Konzern begonnen und haben diesen von Anfang an extern auditieren lassen. Papier ist ja bekanntlich geduldig. Deshalb haben wir – im Sinne unserer Stakeholder – großen Wert daraufgelegt, dass es für die Publikationen jeweils eine externe Auditierung gibt. Unternehmen müssen außerdem bedenken, dass der Reporting-Prozess langwierig und zeitintensiv ist, vor allem, wenn man den gesamten Konzern abbilden will. Es sind schon sehr viele Fragen, die beantwortet werden müssen. Dafür werden viele Daten benötigt und es muss ein entsprechendes Management aufgesetzt werden.

Das hat bei uns Jahre gedauert, macht sich aber mehr als bezahlt. Durch den gestiegenen Informationsgehalt unserer Nachhaltigkeitsberichte – basierend auf umgesetzten Projekten und kontinuierlich erzielten Verbesserungen – haben sich über die Jahre auch die ESG-Ratings verbessert. Dabei haben wir uns inhaltlich an den Schwerpunktthemen der unterschiedlichen Ratings orientiert, denen wir unterzogen werden. Auf diese Weise haben wir auch über die Anforderungen von GRI und NaDiVeG hinaus berichtet. Und das war wichtig für die Verbesserungen.

Wir merken mittlerweile, dass das Interesse von Kund:innen und Investor:innen – aber auch vieler weiterer Stakeholder – an ESG-Themen deutlich gestiegen ist und sich der Aufwand lohnt. Abgesehen davon sind viele Vorgaben ja zwischenzeitlich regulatorisch verpflichtend. In diesem Zusammenhang kann ich noch einen wichtigen Tipp mit auf den Weg geben: Wenn der Entwurf eines Ratings eintrifft, sollte man jeden Punkt im Detail kontrollieren, selbst wenn die Daten auf Basis des aktuellen Nachhaltigkeitsberichts vorausgefüllt sind. Teilweise gibt es Interpretationsunterschiede oder Daten wurden unvollständig eingefügt oder vielleicht auch nicht aus dem aktuellen Bericht übernommen. Auch das ist natürlich mit einem entsprechenden Aufwand verbunden. Aber wenn man sich im Rating weiterentwickeln will, muss man dafür Zeit aufbringen und auch mit den Ratingagenturen in Dialog treten. 

Unternehmen sollten sich ebenfalls vor Augen führen, dass die Vorschriften immer strenger werden. Auch ist absehbar, dass eine Limited Assurance im Rahmen der Prüfung der Nachhaltigkeitsberichte aufgrund der CSRD in Zukunft nicht mehr ausreichen wird und mittelfristig eine Reasonable Assurance erforderlich sein wird. Da geht die Reise hin. Unternehmen müssen rechtzeitig mit diesem Prozess – auch im Sinne der umfassenden Datenerhebung – beginnen, Zeit dafür einzuplanen und den Dialog suchen. Unser Beispiel zeigt, dass sich der Aufwand lohnt. Wir konnten nicht nur unsere ESG-Ratingbewertungen verbessern, sondern es hat uns auch geholfen unsere Nachhaltigkeitsleistung Stakeholder-basierend weiterzuentwickeln.

Vielen Dank, Andrea, für das Teilen deiner Erfahrung und für dein Mitwirken beim Nachhaltigkeits-Index. 

Foto: Sara Tomic

Grafik: Raiffeisen Nachhaltigkeits-Initiative

 

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