Ina Pfneiszl von SCHACHINGER Logistik im Interview über die Erfolgsfaktoren von Stakeholder-Engagement und wie die Einbindung von Anspruchsgruppen die Probleme der Zukunft lösen können

Ina Pfneiszl ist eine ausgewiesene Expertin in Sachen Nachhaltigkeit. Sie leitet unter anderem die CSR-Experts-Group der Wirtschaftskammer Österreich und lehrt an der UBIT-Akademie incite. Als Head of Sustainability der SCHACHINGER Logistik Holding GmbH ist sie tagtäglich mit den Herausforderungen und Chancen konfrontiert, die Stakeholder-Engagement für Unternehmen hervorbringen. Im Interview zeigt sie auf, wie Stakeholder-Einbindung mit Nachhaltigkeitsberichterstattung zusammenhängt. Außerdem erklärt sie anhand von Best Practices aus ihrem Unternehmensalltag, wie Stakeholder-Initiativen ein hohes Innovationspotenzial haben und warum Projekte wie der Nachhaltigkeits-Index mehr denn je benötigt werden.

Leo Hauska: Liebe Ina, SCHACHINGER Logistik ist ein Vorreiter im Bereich Nachhaltigkeit und bedient auch viele unterschiedliche Branchen. Was heißt das für die Einbindung eurer Stakeholder? 

Ina Pfneiszl: Das stimmt. SCHACHINGER Logistik hat nicht nur 18 verschiedene Standorte im europäischen Raum, sondern umfasst dann noch verschiedene Dienstleistungen der Transportlogistik für unterschiedliche Branchen. Dazu gehören zum Beispiel Paketdienstleistungen, Pharmalogistik, Bau- und Transportlogistik oder Lebensmittellogistik. Aufgrund dieser breiten Fächerung ist die Stakeholder-Landschaft äußerst divers. Unsere vielfältige Kundenstruktur bringt je nach Segment unterschiedlichste jedoch grundlegende branchenspezifische Anforderungen mit sich. Ganz generell wählt SCHACHINGER Logistik aber einen sehr holistischen Ansatz, was Nachhaltigkeit betrifft. Wir leben eine 360 Grad Betrachtung, sowohl in unseren Gebäuden über den Fuhrpark bis hin zu unseren gesamten Stakeholdern. Also angefangen bei den Mitarbeitenden, was als Familienbetrieb im Dienstleistungssektor ganz wesentlich ist, bis hin zu unseren Kund:innen. Deswegen ist auch die Stakeholder-Einbindung ein ganz wesentlicher Teil unserer Arbeit im Nachhaltigkeitsmanagement.

Im Bereich der Nachhaltigkeitsberichterstattung ändert sich ja in nächster Zeit einiges, zum Beispiel durch die CSRD. Welche Folgen hat das aus deiner Sicht für die Einbindung von Anspruchsgruppen? 

Die Nachhaltigkeitsberichterstattung wird es für große und mittelgroße Unternehmen in naher Zukunft verpflichtend geben. Ob es nun ein Jahr früher oder später wird, ist noch nicht ganz klar. Aber dass sie kommt, sollte mittlerweile allen bewusst sein. KMUs müssen dann mit Geschäftsjahr 2027 erstmals berichten. Das ist für viele natürlich Neuland und mit Aufwand verbunden. Dabei darf man aber eines nicht vergessen: Eine verpflichtende geprüfte Nachhaltigkeitsberichterstattung stellt eine wunderbare Gelegenheit dar, um Stakeholder im Vorfeld einzubinden und von den Inhalten profitieren zu lassen.

Beim Reporting müssen wir uns aber auch eines vor Augen führen und das ist für mich persönlich ein wichtiger Punkt: All die Aspekte, die in einem Nachhaltigkeitsbericht kommuniziert werden, sind gleichzeitig Inhalte, die Stakeholder in irgendeiner Form betreffen. Daher haben sie Anspruch auf diese Informationen. Und das nimmt immer weiter zu, wenn wir zum Beispiel das nahende Lieferkettengesetz hernehmen oder die Due Diligence Prozesse.

Im Übrigen ist die Geschäftsstrategie ein weiterer wesentlicher Punkt, wenn wir von Stakeholder-Engagement sprechen. Wenn die nachhaltige Entwicklung in der Strategie nämlich nicht mit echten Zielen verknüpft ist, wird es schwierig sein, die Stakeholder davon zu überzeugen, dass man es wirklich ernst meint. Das betrifft dann nicht nur die Kund:innen, sondern auch Mitarbeiter:innen beispielsweise. Unternehmen müssen sich dessen bewusst sein, dass Stakeholder eben genau auf diese Dinge schauen.

Auf Basis deiner langjährigen Erfahrung: Was empfiehlst du Nachhaltigkeits-Verantwortlichen und Unternehmen im Hinblick auf den Stakeholder-Prozess? 

Für den Prozess zur Stakeholder-Einbindung ist eines ganz essenziell: Man muss sich dafür die Zeit nehmen und einfach dranbleiben. Dazu zählt vor allem ständig zu überprüfen, wo noch Gruppen sind, die vielleicht noch nicht gesehen wurden. Aus meiner Praxis kann ich allen versichern: Dem ist wirklich oft so! Man muss nicht nur einmal darauf schauen, sondern ein zweites und am besten auch ein drittes Mal, um die wesentlichen Anspruchsgruppen zu identifizieren. Das ist ein laufender Prozess.

Außerdem sind eine gute Planung und klare Verantwortlichkeiten wichtig. Beides sind eine grundlegende Voraussetzung, damit das Vorhaben gelingt. Denn die Einbindung von Anspruchsgruppen geht nicht einfach so nebenbei. Für die Abwicklung empfehle ich außerdem einen Kommunikationsplan. Das schafft die nötigen Strukturen. Dann muss in einer Organisation zumindest eine Person den Hut auf haben – für Stakeholder-Engagement sowie für die Kommunikation und die Entwicklung. Bei SCHACHINGER Logistik sind wir ein Team von mehreren Mitarbeiter:innen. Die Zuständigkeiten sind hier gut aufgeteilt und die Themen werden von jeder Person eigenverantwortlich getrieben.

Zum Kommunizieren mit meinen Stakeholdern ist es essentiell, dass ich Rede und Antwort stehen kann. Dafür ist das Monitoren meiner Wirkungen wichtig. Das heißt für SCHACHINGER Logistik, dass wir uns mit bestimmten Fragen beschäftigen müssen. Zum Beispiel: Wie viele CO2-Emissionen entstehen durch eine bestimmte Dienstleistung der Transportlogistik? Das ist in weiterer Folge die Grundlage für uns, um bestimmte Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Und über diese Lerneffekte müssen wir natürlich auch reden.

Eine Frage noch zum Abschluss: SCHACHINGER Logistik treibt ja unterschiedliche Stakeholder-Initiativen. Wie bewertest du den Nutzen des Nachhaltigkeits-Index in diesem Zusammenhang?

Mitwirken.at ist ja tatsächlich ein großer Stakeholder-Prozess. Ich denke, dass die Arbeit an dem Nachhaltigkeits-Index eine großartige und wichtige Initiative ist. Ehrlich gesagt wundert es mich, dass es so etwas noch gar nicht gibt. Aus meiner Sicht kann die Bewertungsplattform in vielen Aspekten wirklich großen Nutzen stiften.

Durch das Sustainability Profil auf der Bewertungsplattform kann ich mir ein Bild von jedem gelisteten Unternehmen machen. Damit erhalte ich eine gute Grundlage, um Entscheidungen zu treffen. Auch die Option, die abgebildeten Unternehmen zu bewerten, ist sicherlich eine spannende Sache. Und wenn man mich fragt, ob es eine Gefahr darstellt, sich mit Stakeholdern auf dieses Terrain zu begeben, kann ich eine klare Antwort geben: Ich lebe genau das nun seit mehr als 12 Jahren im Stakeholder-Management. Und es ist eine Gefahr, es nicht zu tun! Davon bin ich fest überzeugt.

Außerdem geht es ja bei solchen Initiativen auch darum, sich gegenseitig zu nähren, also von- und miteinander zu lernen. Das sehen wir zum Beispiel in unserem Verein Council für nachhaltige Logistik. Diese Initiative ist in Europa einzigartig. Hier arbeiten wir aktiv mit unseren Kreislaufwirtschaftspartnern und Netzwerk-Stakeholdern an bestimmten Projekten. Dazu zählen emissionsfreie Antriebe in der Logistikbranche, aber auch Fragen zur Organisationsentwicklung, zukunftsträchtige Verpackungen oder der Wissenstransfer zu Lagerlogistik und City-Logistik. Hier sehen wir ganz eindeutig: Wir brauchen einfach mehr Transparenz, Best Practice Beispiele und gemeinsame Initiativen. Und ich glaube, das ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man Stakeholder für bestimmte Themen wie Kreislaufwirtschaft einbinden kann. Dies ist ja auch im Sinne von SDG 17, also das Etablieren von Partnerschaften zur Erreichung der restlichen Ziele. Und das muss noch viel stärker befüllt werden. Dieses Potenzial sehe ich beim Nachhaltigkeits-Index.

Vielen Dank, Ina, für das Teilen deiner Erfahrung und für dein Mitwirken beim Nachhaltigkeits-Index.

Zu den Ergebnissen des 4. Workshops: Stakeholder-Einbindung

Foto: Chris Ecker

 

 

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